Sechs Tage New York
Reisebericht
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Samstag, 10. November 2007
Nach einer unruhigen Nacht mit Polizei- und Feuerwehrsirenen verließen wir unsere Herberge schon um halb sechs Uhr morgens, da unsere inneren Uhren noch mitteleuropäisch tickten. Schon nach wenigen Schritten sprach uns ein Fremder an; kein New Yorker, sondern selbst Tourist, allerdings ein amerikanischer und offenbar ziemlich durcheinander. Er suchte nach einer Wrestling-Veranstaltung. Als ich ihm sagte, wir seien gerade erst aus Deutschland eingetroffen und könnten ihm nicht weiterhelfen, rief er „Oh my gosh!“ und rauschte ab.
Wir gingen weiter nach Norden und vorbei am Rockefeller Center. Die Arbeiter, die gerade den großen Weihnachtsbaum errichteten — den größten der USA — waren so ziemlich die einzigen Menschen, die wir um diese Uhrzeit sahen. Sagt man nicht, New York sei die Stadt, die niemals schläft? Am Lower Plaza wurde außerdem die Eislaufbahn vorbereitet, die man aus vielen Filmen kennt. Da es an diesem Morgen zwar sehr frisch, aber noch nicht eisig kalt war, wollte sich bei uns noch keine Weihnachtsstimmung einstellen. Neben dem Rockefeller Center befindet sich die St. Patrick's Cathedral, die wir aber erst später besuchen wollten. Wir fuhren zur 86. Straße und suchten eine Möglichkeit zum Frühstücken. Leider hatten die meisten Geschäfte noch geschlossen und wir landeten nach einigem hin und her bei Starbucks und aßen zum ersten Mal Bagels. Ich lernte dabei Englisch auf die harte Tour, da ich, frierend und dennoch mutig, versehentlich einen Eiskaffee bestellte. Wer hätte an meiner Stelle, da ich so gut wie nie zu Starbucks gehe, denn auch ahnen können, was sich hinter „Frappuccino“ verbirgt? Während wir bei Starbucks saßen, wunderten wir uns über die vielen New Yorker, die bei diesen frostigen Temperaturen mit T-Shirts, kurzen Hosen und Badeschlappen unterwegs waren. Einige waren bis zur Hüfte sogar richtig gut gekleidet und trugen Mantel und Jacket, abwärts der Hüfte jedoch wiederum kurze Hose und Badeschlappen. Vielleicht reichte das Geld nur bis zum Gürtel. J. fühlte sich bei diesem Anblick jedenfalls an seinen Kiez in Berlin-Neukölln erinnert.
Anschließend ging es in Richtung Central Park. Wir kamen am Metropolitan Museum of Art vorbei und entschieden uns spontan, hineinzugehen, da das Wetter zu wünschen übrig ließ und ein Besuch ohnehin auf dem Reiseplan stand. Studenten zahlen nur zehn Dollar Eintritt. Es gab viele beeindruckende Werke zu sehen, unter anderem von Nolde, Picasso und Rembrandt, und wir schafften es in zweieinhalb Stunden nur im Schnelldurchgang durch das Museum. Für einen Tag bietet es einfach viel zu viel. J. sog gleich zweimal Eindrücke aus den Räumen der niederländischen Meister aus dem goldenen Zeitalter in sich auf.

Danach war Mittag und wir hatten Hunger. Bevor wir uns zur Einkehr auf den Weg in Richtung Norden machten, kaufte J. bei einem Würstchenstand vor dem Museum seine erste Flasche Poland-Spring-Mineralwasser. Wir schlenderten am Guggenheim-Museum vorbei, das gerade eingerüstet war. Da ich die Architektur im Gegensatz zu der des Metropolitan Museums of Art nicht besonders eindrucksvoll finde, war ich nicht traurig, wegen der Sanierung keine Fotos des Äußeren machen zu können. Die Wohnhäuser in dieser Gegend gefielen mir hingegen ausgesprochen gut. Das Groß und Klein nebeneinander und die verschiedenen Epochen, die in den letzten rund 150 Jahren hier ihre Spuren hinterlassen haben, sorgen für eine große Vielfalt. Ich war überrascht, wie wenig neue Häuser hier stehen und, falls doch, wie angepasst sie sind. Hat die Bauhaus-Bewegung New York verschont? Davon kann man im kriegszerstörten und beim Wiederaufbau mehr oder weniger endgültig versauten Deutschland nur träumen.
Als der Hunger unangenehm wurde und wir schon einige Kilometer zurückgelegt hatten, landeten wir in einer kleinen Burgerbude. J. und ich verdrückten jeweils einen riesigen Hamburger mit French Fries und S. aß ein Thunfisch-Sandwich, das so fettig war, dass die Folie darum durchsichtig geworden war. Später bekam sie davon ein blümerantes Gefühl im Magen.

Vorerst gestärkt gingen wir in Richtung Central Park. Der Himmel war nun aufgerissen und die Sonne angenehm warm. Wir durchwanderten den Park in nördlicher Höhe und freuten uns über die vielen Eichhörnchen, die alle paar Meter herumstanden oder Nüsse vergruben. Ein Japaner — es kann eigentlich nur ein Japaner gewesen sein! — zog eine Mülltonne hinter sich her auf die Wiese, um sie vor einen jener herbstlich gefärbten Bäume zu stellen und zu dort fotografieren.
Auf dem weiteren Weg sahen wir viele fußballspielende junge Menschen. Fußball gilt in den USA, soweit ich weiß, hauptsächlich als Jugend- und Frauensport. Außer uns liefen die meisten Parkbesucher oder trieben sonstwie Sport.

Unsere Füße taten allmählich weh, also fuhren wir für eine kurze Pause zurück zur Herberge. Unterwegs kaufte ich mir eine Flasche Poland Spring, die mit zwei Dollar doppelt so teuer war wie die Flasche, die sich J. vor dem Metropolitan Museum gekauft hatte.

Wir fuhren danach nach Süden, nach Downtown. Dort besichtigten wir Ground Zero und staunten über die Ausmaße der Baugrube und die Größe, die die World Trade Center gehabt haben müssen, da uns selbst die viel kleineren Nachbargebäude riesig erschienen. Wir gingen beim direkt an der Baustelle gelegenen Burger King etwas trinken und konnten im ersten Stock von unserem Platz aus in die Baugrube des Freedom Towers blicken, der einer Festung gleichen wird und einen gewaltigen Sockel bekommt, um sicher zu sein vor Autobomben. Nicht umsonst wurde er schon vor Baubeginn „Fear Tower“ genannt.

Bei dichtem Gedränge in der U-Bahn fuhren wir anschließend unter der Brooklyn Bridge hindurch ans andere Ufer des East Rivers. Die Leute fahren augenscheinlich morgens zur Arbeit nach Manhattan und abends zurück nach Brooklyn oder Queens. Am anderen Ufer war wenig los und die alten Industriegebäude, Kopfsteinpflaster, das man in New York nur noch selten sieht, und der Blick auf die Manhattan Bridge erinnern an Szenen aus „Es war einmal in Amerika“. Wir gingen unter der Manhattan Bridge hindurch zur Brooklyn Bridge, wo sich der Brooklyn-Bridge-Park befindet, von dem man eine grandiose Sicht auf Downtown Manhattan hat; die World Trade Center fehlen allerdings als markante Spitze. Da ich kein Stativ besitze und mich nicht traute, den zufällig neben mir stehenden Fotografen zu fragen, ob er mir seins leiht, musste ich meine Kamera notdürftig auf einem Felsblock abstellen, um genügend Belichtungszeit zu bekommen.

Zum Abschluss des Abends gönnten J. und ich uns vorher unbekanntes Bier und S. einen Kaffee in „The Perfect Pint“, einem Irish Pub gleich neben unserer Herberge. Beim Bezahlen bekamen wir eine Rechnung in Höhe von 13,75 Dollar, was etwas arg wenig war — konnte diese Summe stimmen? Meiner Ansicht nach schon, während J. und S. hingegen überzeugt waren, es handle sich um einen Abrechnungsfehler. Wir schlossen eine Wette ab, legten 15 Dollar auf den Tisch und verschwanden rasch die Treppe hinunter und in unsere Herberge.
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