Sechs Tage New York
Reisebericht
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Mittwoch, 14. November 2007
Wir frühstückten wieder nebenan bei Kaffee mit „French vanilla“ und Bagels mit viel Frischkäse. Es war noch zu früh, um das MoMA zu besuchen, das erst um halb elf öffnet. Wir latschten umher und suchten das Chrysler Building, den angeblich beliebtesten Wolkenkratzer der New Yorker, der außerdem den Ruf hat, das schönste Hochhaus der Welt zu sein. Von unserem Bettnachbarn erfuhren wir, dass man sich die Lobby ansehen kann, ohne etwas bezahlen zu müssen.
Auf dem Weg mussten wir stehen bleiben und einen Blick in den Stadtplan werfen, um nicht falsch abzubiegen. Da wir von den vielen Menschen die einzigen waren, die herumstanden, schien man sich Sorgen um uns zu machen. Es dauerte daher nicht lange, bis eine Dame, allem Anschein nach eine Geschäftsfrau, uns zuerst fragte, ob wir Hilfe benötigten und dann, ob wir Franzosen seien. „Are you français?“ Warum wurden wir ständig für Franzosen gehalten? Bin ich nicht blond und groß genug? Lag das an J.s verlebtem, von seinem Opa geerbten Tausend-Mark-Mantel? Kurze Zeit später mussten wir erneut anhalten und auf die Karte schauen und wurden prompt wieder gefragt, ob wir uns verlaufen hätten. Diesmal war es ein Geschäftsmann, der uns immerhin nicht für Franzosen hielt. Das Chrysler Building ist von außen wie von innen sehr beeindruckend, auch wenn man es mit dem vielen Marmor vielleicht etwas zu gut gemeint hat. Die New Yorker wissen, wie man Hochhäuser baut, die nicht einfach nur plump, sondern majestätisch wirken.

Es war immer noch etwas Zeit, bis das MoMA öffnete. Wir nutzten diese Pause und gingen zurück zur Herberge und schrieben Postkarten. Auf dem Weg zum MoMA kamen wir am Rockefeller Building vorbei, das im Untergeschoss eine Filiale des US Postal Service hat, in der wir Briefmarken kaufen und die Karten einwerfen konnten. Hier trennten sich unsere Wege, S. ging einkaufen, J. und ich gingen zum MoMA.
Das Museum ist deutlich kleiner als das Metropolitan Museum of Art, hat aber gleichfalls viel zu bieten. Es war zwar voll, aber die Räume sind so großzügig gestaltet, dass man sich nicht gegenseitig auf die Füße tritt. Ich ließ mir von J. die Entstehungsgeschichte einiger Bilder erklären und freute mich über eine Gruppe von jüdischen Kindern, die von einer jungen Frau begleitet wurde, die alle Mühe hatte, die Aufmerksamkeit der Kleinen aufrecht zu erhalten. Mir fiel eine deutsche Mutter mit ihrer Tochter auf, die ich schon im Metropolitan Museum bemerkt hatte. Dies war schon das zweite Mal, dass ich jemanden in New York wiedersah, denn im Metropolitan Museum sah ich eine französische Mädchengruppe, der wir einen Tag später in der U-Bahn erneut begegneten.
Die Werke im MoMA sind größtenteils beeindruckend; die Bilder von Warhol und Pollack waren für mich allerdings nur dafür gut, um zu sehen, ob ich meine Kamera waagerecht halten kann. In anderen Räumen wurde mir bewusst, zu was für einem Aderlass der deutschen Kultur die Naziherrschaft geführt hat, denn die deutschen Künstler, deren Bilder im MoMA hängen, sind fast allesamt geflohen — oder bereits vor der Zeit des Dritten Reichs, wie Franz Marc, jung im Ersten Weltkrieg gefallen. Manch anderer Künstler wurde Opfer der Schoah.




Anschließend gingen wir zum Rockefeller Building, um das Observation Deck zu besuchen. Wir erwarteten eine ähnlich lange Schlange wie beim Empire State Building und waren angenehm überrascht, da der Besucherstrom ausgeblieben war und wir sofort an die Reihe kamen. Die Mitarbeiter waren beinahe ausschließlich Afroamerikaner und wesentlich freundlicher als die Leute vom Empire State Building, die nicht verbergen konnten, wie genervt sie waren.
Nach einem kurzen Film über die Entstehungsgeschichte des Komplexes fuhren wir mit dem Fahrstuhl nach oben. Er hatte eine gläserne Decke und erlaubte uns einen spektakulären Blick ins Innere des Fahrstuhlschachtes. Die Fahrt kam mir langsamer vor als sie tatsächlich war. Der Horizont war leider etwas nebelverhangen, aber für einen Eindruck über New York bei Tag reichte es. In unserer Herberge hatte man uns das Rockefeller Building im Gegensatz zum Empire sehr ans Herz gelegt, und tatsächlich, die Sicht von hier oben war grandios. Man kann den Central Park überblicken, was vom Empire aus nur schwer möglich ist. Dazu ist das Observation Deck doppelstöckig und bietet mehr Besuchern Platz als die vergleichsweise schmale Plattform des Empires.




Danach ging es zurück in die Herberge, um auf S. zu warten. Sie war etwas verspätet, weil ihre MetroCard an den Eingangsschranken der U-Bahn plötzlich nicht mehr funktionierte. Wir fuhren gemeinsam zum historischen Hafen, wo es weniger zu sehen gab, als wir uns versprochen hatten. Nach wenigen Minuten latschten wir daher zurück Richtung Wall Street, um irgendwo etwas zu essen. Wir kamen an einer Subway-Filiale vorbei, die zweimal einen Fuß Sandwich für 7,99 Dollar anbot, also etwa zweimal 30 Zentimeter. Da das Angebot erst ab 17 Uhr galt und wir bis dahin noch eine halbe Stunde Zeit hatten, gingen wir nebenan einen Kaffee trinken. Das Lokal wirkte wie aus einem schrägen Roadmovie, die Mitarbeiter darin machten einen traurigen Eindruck und die Stimmung war melancholisch-gedrückt. Als ich J. darüber aufklärte, dass nachgeschenkter Kaffee kostenlos ist, konnte er sich kaum noch im Zaum halten, die Kellnerin herbeizurufen.

Bei Subway bestellten wir vier Sandwiches, von denen S. und ich jeweils nur eins schafften. J. aß dafür zwei, also 60 Zentimeter oder zwei Fuß; er sollte dies schon wenige Stunden später bitter bereuen. Der ägyptische Angestellte musste lachen, als er J.s Leistung sah. Er wusste wohl ganz genau, was J. da in sich reingedrückt hat. Der Ägypter hatte davor hinter dem Tresen einen gestressten Eindruck gemacht und sich beschwert, er wolle gerne heim und hätte keine Lust mehr, heute hier zu schuften. Später stellte sich heraus, dass sein Bruder eine Deutsche geheiratet und er in Ägypten schon mit vielen deutschen Touristen Bekanntschaft gemacht hat. Er kam mit 18 Jahren nach New York und ist irgendwie in diesem Schuppen hier gelandet. Nun war er 31 und wollte nach Möglichkeit bald wieder zurück nach Ägypten. Als S. und ich aufbrechen wollten, blieb J. noch kurz im Geschäft und unterhielt sich mit seinem neuen Freund. Die beiden verstanden sich trotz der Sprachbarriere bestens („Tomorrow we'll fly heim!“).
Auf dem Rückweg kaufte sich S. eine abgepackte Portion Sushi und wir stiegen in der Eile versehentlich in die falsche U-Bahn und mussten am anderen Ufer des East River kehrt machen. In der Herberge informierten wir uns im Internet über den Ersatzfahrplan der Deutschen Bahn und J. versuchte, das Fernsehprogramm zu wechseln. Als sich dabei Fernseher und Receiver abschalteten und nicht reaktivieren ließen, verzogen wir uns schnell auf unser Zimmer. Im Fahrstuhl begegnete uns ein netter älterer Herr, der auf unnachahmliche Weise „Germany?“ und „Oklahoma!“ aussprach. J. besorgte uns nebenan, wo wir sonst immer frühstückten, noch ein Sixpack Budweiser und als er zurückkam, stand vor unserer Zimmertür plötzlich eine mysteriöse volle Flasche Mineralwasser. Wieder zwei Dollar gespart! Nun hieß es Koffer packen, denn am nächsten Tag sollte es schon nach Hause gehen.
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