Sechs Tage New York
Reisebericht
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Sonntag, 11. November 2007
Das Thermometer am Times Square zeigte minus zwei Grad Celsius. Das erste Starbucks am Times Square bot uns keine Sitzmöglichkeit, die nächste Filiale war aber zum Glück nur wenige Schritte entfernt, wo wir uns mit Kaffee und Brötchen mit Ei und Käse aufwärmen konnten.
Das herrliche Wetter wollten wir nutzen und eine Fahrt mit der Fähre Richtung Ellis Island wagen, um die Freiheitsstatue zu sehen. Als wir mit der U-Bahn die Station der Staten-Island-Fähre erreichten, mussten wir noch ein paar hundert Meter hinter uns bringen, um zur Fähre zu gelangen. Unterwegs konnten wir vom Ufer aus die Freiheitsstatue und Ellis Island erblicken. An der Anlegestelle stellten wir dann aber fest, dass wir pro Person zwölf Dollar zahlen müssten. Das war uns zu doof. Wir gingen also zurück, um mit der Staten-Island-Fähre zu fahren, die keinen Cent kostet.

Sonntags fährt die Fähre um diese Uhrzeit nur einmal pro Stunde. S. und ich setzten uns hin und warteten, während J. sich erneut mit Poland Spring eindeckte. Die Halle wurde nicht nur von irgendwie hineingeratenen Tauben genutzt, sondern auch von Obdachlosen, die schlafend in den Ecken lagen und sich aufzuwärmten. Auf der Fähre wunderte ich mich darüber, dass es auf der sonnigen Seite im Mantel fast schon zu warm war, auf der schattigen Seite aber so kalt, dass ich kaum die Kamera halten konnte. Wir fuhren vorbei an der Freiheitsstatue und hätten auf dem Oberdeck einen guten Blick auf das südliche Manhattan gehabt, wenn die Zugänge nicht abgeschlossen gewesen wären. S. fror und blieb im Inneren des Schiffes.

Auf Staten Island angekommen, liefen wir durch den Ausgang und einmal um die innere Halle herum, um wieder auf die Fähre zu gelangen. Auf der Insel gibt es schließlich nichts, was uns reizte. Die Fähre war mittlerweile voller geworden, es gab aber immer noch viele freie Plätze. Ich will gar nicht wissen, wie viele Passagiere bei Feierabendbetrieb auf die Fähre passen (müssen).

Als wir wieder in Manhattan eintrafen, verriet uns ein Blick auf die Uhr, wohin wir als nächstes wollten — halb elf Uhr morgens am elften Elften: Das Lokal „Zum Schneider“ hatte, wie wir schon in Deutschland gelesen hatten, auf seiner Internet-Seite geschrieben, sie würden Karneval feiern und es gäbe zu diesem Anlass 30 Liter Freibier. Leider hatten wir in der Herberge vergessen, die notierte Adresse mitzunehmen, und der Versuch, das Lokal nach unserem Gedächtnis zu finden, schlug fehl. Die Feier musste also ohne uns stattfinden.
Zu Füßen des Flatiron Buildings gerieten wir in eine Militärparade, denn es war Veteran's Day. Wir beobachteten das bunte Treiben für eine Weile und gingen dann bei McDonald's etwas essen. S. waren die in der Tat schäbigen Hamburger zu eklig, weshalb sie sich kurze Zeit später in einem Deli mit leckerem Essen versorgte. Hätten J. und ich es doch nur ebenso getan. Als sie an der Kasse nicht wusste, wie viel sie bezahlen sollte und wie, half ihr ein Kunde hinter ihr: „You take one of these ... put your food in ... then you give it to the cashier and pay an incredible amount of money.“ Jener lässige Kerl war für S., wie sie später sagte, der New Yorker schlechthin. Beim Weitergehen rempelte ich versehentlich einen Mann an und fing mir spottendes Gelächter von S. und J. ein, als ich reflexartig um deutsche „Entschuldigung!“ bat.

Bevor wir zur Brooklyn Bridge aufbrachen, beobachteten wir noch einmal die Parade und staunten über die Eichhörnchen, die es sogar auf kleinsten Grünflächen mitten zwischen den Hochhäusern gibt. Da eins, das in einer Mülltonne nach Essen suchte, sich beinahe anfassen ließ, war anzunehmen, dass es ihnen hier ganz gut gehen muss.

Wenig später bestiegen wir die U-Bahn zur Brooklyn Bridge. Mit der Zeit kamen wir mit dem U-Bahn-System gut zurecht, wünschenswert wären jedoch digitale Anzeigen mit Auskunft darüber, welche Bahn wann und wohin fährt.
Auf der Brooklyn Bridge war Hochbetrieb. Ich kaufte mir bei einem Verkäufer auf der Brücke eine Flasche Poland Spring für unterwegs und beging nach wenigen hundert Metern den Fehler, nach unten zu blicken. Unter den mir viel zu dünn erscheinenden Holzbalken ging es rund 40 Meter in die Tiefe. Von da an zitterte ich jedes Mal, wenn ich nach einem meiner vielen Fotos die Abdeckklappe wieder auf das Objektiv setzen wollte. Wäre sie mir heruntergefallen und zwischen einer der Ritzen verschwunden, hätte ich sie niemals wiedergesehen. Die Brücke ist 1834 Meter lang und wurde von dem Deutschstämmigen John August Roebling konzipiert, der im thüringerischen Mühlhausen geboren wurde. Bei Vermessungsarbeiten quetschte er sich seinen Fuß und büßte die verletzten Zehen ein. Da er medizinische Behandlung ablehnte und seine eigene Heiltherapie darin bestand, ständig Wasser über die Wunde zu gießen, starb er kurze Zeit später an einer Tetanusinfektion.


Wir blieben oft stehen und genossen den Ausblick. Alternativ hätten wir auch über die Manhattan Bridge gehen können, aber unser Zimmernachbar Philip erzählte uns, er hätte der Aussicht und dem Zustand der Brücke nichts abgewinnen können.
Irgendwann erreichten wir das andere Ende und suchten eine U-Bahn-Haltestelle, um zurück zur Herberge zu kommen. Meine Füße taten weh und ich war froh, einen Sitzplatz zu ergattern. J. und S. blieben tapfer stehen. Ich sollte vielleicht mehr Sport treiben. Mir gegenüber saß ein Afroamerikaner, der Trommeln dabei hatte und urplötzlich anfing, wie besessen darauf herumzuschlagen und danach auch noch Geld für das dilettantische Getrommel haben wollte. Als er keins bekam, wollte er die U-Bahn verlassen und hielt seine rechte Hand zwischen die sich schließende Tür, um sie zu blockieren. Ich glaubte, als New Yorker wüsste er schon, was er tut. Ganz im Gegenteil, die Tür öffnete sich nämlich nicht. Sein Gesicht verzog sich unter Schmerzen und er versuchte verzweifelt, seine Hand aus der Tür zu bekommen. Schließlich schaffte er es nach einigem Gezappel und Gestrampel und verschwand so schnell er konnte in den nächsten Wagen.
In der Herberge begegneten wir unserem Mitbewohner. Er wollte die Aussichtsplattform auf dem Rockefeller Building besuchen, hatte es sich beim Anblick der Warteschlange aber anders überlegt. Uns brachte das auf die Idee, zum Empire State Building zu gehen, das nicht weit entfernt lag und von dem aus wir uns an diesem schönen Abend eine tolle Sicht versprachen. Unterwegs kamen wir an der kathedralenhaften Grand Central Station vorbei, in die wir einen Blick warfen, bevor es weiterging.

Am Eingang des Empire State Buildings war eine Tafel angebracht, auf der stand, man müsse momentan 40 Minuten warten, um auf die Aussichtplattform zu kommen. Dauern sollte es dann allerdings über eine Stunde. Vor dem Kartenschalter warteten S. und J. so lange, bis ich unsere Karten gekauft hatte. Mir fielen unbemerkt fünf Dollar runter, die eine Frau mit kurzen, blond gefärbten Haaren aufhob und mir zurückgab: „Dir sind fünf Dollar runtergefallen!“ Woher wusste sie, was für ein Landsmann ich bin? Sie kam aus Berlin und hatte eine Woche vorher zu Hause eine texanische Freundin zu Besuch gehabt, mit der sie das Wochenende in New York verbringen wollte. Als ich ihr erzählte, wir hätten nur 129 Euro pro Flug bezahlt, wurde sie neidisch. Meine Verabschiedung erwiderte sie mit einem Winken und verschwand schneller, als ich der Dame hinter dem Schalter 54 Dollar für unsere drei Karten geben konnte.
Der Fahrstuhl brachte uns zügig bis wenige Stockwerke unter die Aussichtsplattform. Dort hieß es wieder Schlange stehen und in die Kamera schauen, die ein aufgedrehter Verkäufer unaufgefordert auf uns richtete. Für das Foto, auf dem J. und ich — S. ließ sich nicht ablichten — aussahen wie zwei unzurechnungsfähige Penner, hätten wir später 25 Dollar abdrücken müssen.
Die letzten Stockwerke gingen wir zu Fuß. Auf der Aussichtsplattform war es windstill und der Blick war atemberaubend. Wir konnten bis zum Horizont sehen, da es die letzten Tage oft geregnet hatte. Von oben betrachtet wirken die Gebäude, die von unten so gewaltig sind, wie kleine Häuschen.


Durch das viele Stehen hatten wir Hunger bekommen. Neben dem Empire State Building befindet sich eine Wendy's-Filiale, also McDonald's für ganz Arme, und entsprechend indiskutabel war dann auch das Essen. Im Anschluss kauften wir zwei Dosen Foster's und gingen zurück in die Herberge.

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