Sechs Tage New York
Reisebericht
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Montag, 12. November 2007
Montag war es zum Glück wärmer als Sonntag. Wir wunderten uns über die Stille nebenan am Times Square, da doch Wochenbeginn war. Nach dem Aufstehen gingen wir diesmal gleich nebenan frühstücken. Ich aß „Three eggs white on a plain“ und beschloss, am nächsten Tag lieber einen Bagel mit Frischkäse zu wählen. Unsere ersten Schritte führten uns wie am Tag zuvor nach Norden. Wir besuchten St. Patrick's Cathedral, in der gerade ein Gottesdienst stattfand und wir deshalb am Eingang stehen blieben; für ein paar Eindrücke reichte es aber.

Danach wollten wir ein paar E-Mails schreiben und uns informieren, ob es wegen des Streiks der Lokführergewerkschaft in Deutschland etwas Neues gab. Wir folgten S.' Idee, das Goethe-Institut gleich neben dem Metropolitan Museum of Art zu besuchen, da man dort kostenlos ins Internet kommt. Allerdings hatte die hauseigene Bibliothek ausgerechnet an jenem Tag geschlossen, und da uns nichts Besseres einfiel, fuhren wir mit der U-Bahn nach Süden, um Chinatown und Little Italy zu besuchen. Das erste Viertel machte einen schäbigen Eindruck auf uns. An jeder Ecke standen Händler, die billige Plastikware feil boten und mich an trostlose Straßenmärkte in Tschechien und Polen erinnerten. Little Italy war sauberer und geordneter, aber in kulinarischer Hinsicht zu teuer für uns. Wir landeten nach einer Schleife in einem McDonald's zurück in Chinatown und sahen die ersten richtig fetten Amerikaner während unseres Aufenthalts.

Mittlerweile hatten wir Ideen, wie der Tag für uns weitergehen sollte. J. und ich wollten gerne ins Museum of Modern Art, das MoMA, was S.' aber zu teuer war. Sie wollte lieber Klamotten kaufen gehen. Unsere Wege trennten sich vor dem H&M am Rockefeller Center. Leider mussten J. und ich angesichts der Schlange vor dem MoMA feststellen, dass es wenig Sinn machte, an diesem Tag das MoMA zu besuchen. Wir liefen daher schnell zu H&M zurück und hinderten S. daran, in Kauflaune zu geraten. Unsere Pläne verschoben wir auf Mittwoch. Wir gingen zurück und beobachteten die Eislaufbahn auf dem Rockefeller Plaza, die gerade präpariert wurde. Als ich das Rockefeller Building von unten aus fotografieren wollte, wurde ich von einem studentisch aussehenden Kerl mit Rockefeller-Pulli angesprochen: „You can take your pictures from the Observation Deck, if you like!“ — „Thanks, but I'll be there in a few days anyway.“ — „That's great! See you then!!“

Wir fuhren weiter zum Financial District, gingen aber vorher noch ein paar Delis essen. In dem Geschäft wurde das halbe Kilo Delis vom Buffet ab 15 Uhr für 3,99 statt 5,49 Dollar verkauft. Es war 14.58 Uhr. Wunderbar! Zur Sicherheit warteten wir noch fünf Minuten und stürzten uns dann auf das fettige Essen. Ich kapitulierte bald und verteilte meine Reste an J. und S. Nach einer kurzen Verdauungspause gingen wir runter zur Wall Street, an deren Spitze die schöne Trinity Church steht. Darin probte ein Orchester und ich glaubte, „Atmosphères“ von György Ligeti zu erkennen.

Die Wall Street ist hübsch anzusehen, war aber voll mit Touristen und Geschäftsleuten. Ich sah einen Aktienhändler, der sich seine dunkelblonden Haare nach hinten gegelt hatte und sich nach außen hin alle Mühe zu geben schien, das Klischee vom oberflächlichen, schmierigen Wall-Street-Broker zu erfüllen. Es ging weiter Richtung Osten zum East River, vorbei an der Deutschen Bank und Tiffany & Co. Ich musste plötzlich an Audrey Hepburn denken und stellte mir vor, was passieren würde, wenn ich in das Geschäft ginge, um etwas für höchstens zwölf Dollar zu kaufen. Dafür bekommt man heutzutage wohl keine Gravur mehr.
Am East River freuten wir uns über den schönen Blick auf Brooklyn. Der große „Watchtower“ der Zeugen Jehovas am anderen Ufer verriet uns, wie spät es war und was für eine Temperatur gerade herrschte. Wir konnten Hubschrauber starten und landen sehen, die Touristen einen Blick auf New York bieten. Ursprünglich hatte ich vor, ebenfalls einen Flug mitzumachen, aber da man seit wenigen Monaten wieder aufs Dach des Rockefeller Buildings kann, ließ ich es sein.

Wir blieben für eine Weile am Ufer des East River und schlenderten dann gemächlich zurück Richtung World Trade Center, wo wir etwas bei Burger King tranken und Ground Zero bei Nacht bestaunten. Anschließend ging es mit der U-Bahn wieder nach Norden. Vor uns saßen zwei Frauen, die jeweils (!) zwei große Getränkebecher von McDonald's in den Händen hielten und die beide so fett waren, dass nicht nur ihre Hosen über den Schenkeln zum Bersten gespannt waren, sondern dass auch ihre Augen regelrecht aus den Höhlen gepresst wurden. Sie stellten eine Ausnahme dar, denn die meisten New Yorker waren schlank und erfüllten so gar nicht unsere Erwartung von den angeblich so dicken Amerikanern. Die Dresdner sind im Schnitt deutlich dicker.
Am Madison Square Garden war ein großes Postgebäude, in dem S. sich erkundete, was Postkarten nach Deutschland kosten. J. und ich warteten draußen und betrachteten den Madison Square Garden und den Feierabendverkehr. Als wir weiter wollten, mussten wir an einer Fußgängerampel stehen bleiben; an sich nicht schlimm, wäre da nicht ein dampfender und stinkender Gully gewesen.


Da es für diesen Tag nichts mehr zu tun gab, gingen wir zur 42sten Straße. Über der U-Bahn-Haltestelle Port Authority, gleich neben unserer Herberge, ist ein großer Busbahnhof. Wir wollten Dienstag etwas vom Festland sehen und entschlossen uns, Fahrkarten nach Kingston zu kaufen, das etwa 200 Kilometer nördlich von New York liegt — für 32 Dollar hin und zurück. Der Angestellte namens Elisea hinter dem Schalter hielt uns zuerst für Franzosen und trieb dann einige harmlose Späße mit unseren Namen.
Als es zu unserer Herberge gehen sollte und wir wie üblich den Times Square überquerten, wurden wir überrascht, denn er war an jenem Abend da. Schon aus der Ferne sah man ihn auf der Verkehrsinsel stehen und konnte ihn singen hören, „hey-ho, I'm the Naked Cooowboy!“ S. und ich sahen ihn uns aus der Nähe an. J. war das zu doof, er wartete lieber am Straßenrand auf uns. Später freute er sich dafür umso mehr, als er dieses Video sah, das S. mit ihrer Kamera aufnehmen konnte. Cowboy-Overkill! Der Naked Cowboy, der aussieht wie Miles O'Keeffe, lockte spielend Passanten an — etwa ein leicht bekleidetes Mädchen mit den Worten „Baby, you're not wearing any clothes!?“ —, ließ sich mit ihnen ablichten und verlangte pro Foto zwei Dollar. Im Nachhinein bereue ich es, ihm kein Geld in seine Stiefel gesteckt zu haben. Wir drei und der Naked Cowboy, hätte ich mir das an die Wand hängen können? Dass er bei jener Temperatur diese Vorstellung bot, bewies Größe und Humor. Im Vordergrund also der Naked Cowboy und ein vorübereilender Rabbiner, im Hintergrund der bunte Times Square und viele Taxis. Das ist New York! Leider sollten wir den Cowboy in den nächsten Tagen nicht wiedersehen — vermutlich hatte er sich erkältet.

Wir waren noch nicht müde und statteten der Kneipe neben unserer Herberge einen zweiten Besuch ab. Wir tranken je ein Bier und ich verlor meine Wette, als wir die Rechnung bekamen.
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