Sechs Tage New York

Reisebericht
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Dienstag, 13. November 2007

Unser Bus nach Kingston fuhr um halb neun. Wir schliefen aus und mussten uns deshalb etwas beeilen, nach dem Frühstück rechtzeitig zum Busbahnhof an der 42sten Straße zu kommen. Der Bus war nur bescheiden besetzt und ich freute mich über die großzügige Beinfreiheit zwischen den Sitzen. Unser Busfahrer sprach mit leicht russischem Akzent und machte einen griesgrämigen Eindruck, was angesichts des heftigen Berufsverkehrs auf den Straßen nicht weiter verwunderlich war. Wir fuhren den langen Lincoln Tunnel unter dem Hudson River hindurch und danach durch die erste Mautstation auf unserer Strecke.



Die weitere Fahrt führte uns zuerst ein Stück nach Westen durch New Jersey und dann nach Norden, zurück in den Staat New York und immer weiter den Hudson River entlang. Während in der New York (Stadt) die meisten Bäume noch grün waren, wurden sie immer bunter, je weiter wir ins Landesinnere gelangten. Als dann auch noch der Himmel aufriss, konnte ich unser Glück kaum fassen, die Landschaft mitten im berühmten Indian Summer zu sehen. Wir hielten in New Paltz, das 1678 von französischen Hugenotten gegründet wurde und dessen Name sich von der deutschen Pfalz ableitet. Durch die Feuchtigkeit und den einsetzenden Sonnenschein waren die Farben ausgesprochen kräftig, und obwohl der Landstrich eher platt ist, wirkte er überhaupt nicht trist oder langweilig. Wir stellten auch fest, wie dünn die Staaten im Vergleich zu Europa besiedelt sind, da man sich zwischen den einzelnen Häusern viel Platz gelassen hat.

Zweieinhalb Stunden nach unserer Abfahrt und damit 20 Minuten verspätet trafen wir in Kingston ein. Auf den ersten Blick hatte das kleine Städtchen nicht viel zu bieten außer einem „Friedenspark“, den der schräge, einen Monat vorher verstorbene indische Guru Sri Chinmoy gestiftet hatte. Wir schlenderten herum und bekamen bald Gesellschaft von einem älteren, ziemlich dicken Herrn: „Can you spare me a few bucks for breakfast, gentlemen?“ Ich hatte gerade kein Kleingeld griffbereit, dafür bekam der Mann aber von J. einen Dollar. Als der Gentleman uns seine Hand immer noch offen entgegenstreckte, gab J. ihm einen weiteren. Stünde der Dollarkurs nicht so niedrig, wäre er vielleicht weniger großzügig gewesen.





Wir machten einen Rundgang und kamen an einem alten Soldatenfriedhof aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges vorbei. Man merkt der Stadt mit ihren alten Steinhäusern und gepflegten Grünflächen ihre englischen Wurzeln an, obwohl sie ursprünglich von Niederländern gegründet wurde; vor der Unabhängigkeit war sie sogar Hauptstadt New Yorks. Ihre Bewohner gingen an diesem Tag gemächlich ihrem Tagesgeschäft nach und ich fragte mich ob der vielen Kanzleienschilder, wer von den Passanten ein Anwalt gewesen sein mochte. Hat die Juristenschwemme etwa schon die Staaten erreicht?



Wir hatten noch etwas Zeit, bis der Bus um halb eins zurück nach New York fahren sollte. Obwohl wir keinen besonders großen Hunger hatten, gingen wir in ein gemütliches Lokal, in dem es Hamburger und Hot Dogs gab. J. und ich verdrückten gut gelungene Hamburger, S. einen ihrer Aussage nach widerlichen Hot Dog. Man schien sich in dem Lokal untereinander zu kennen, denn der Umgang war offen und herzlich. J. musste auf die Toilette, und als er sie verließ, wurde er von dem Afroamerikaner, der davor wartete, mit einem freundlichen „How are you?“ begrüßt. In New York ist man reservierter, aber Unterschiede zwischen Stadt und Land gibt es auch bei uns.

Der Bus auf der Rückfahrt war schon etwas voller. Wir wussten zuerst nicht, welcher Bus unserer ist, da auf dem, den wir schließlich nehmen sollten, „Albany“ stand, und das liegt ja in der falschen Richtung. Als ich den Fahrer nach seinem Ziel fragte, fragte er mich nach unserem: „New York.“ — „Great, that's where I'm going, too!“ Er stellte sich im Bus als Joseph vor und war ein sympathischer Kerl. Er wünschte uns über sein Mikrofon eine gute Fahrt, auf der wir den Sonnenschein und die Landschaft genießen sollten. S. und J. machten ein Schläfchen, während ich versuchte, ein paar Fotos aus dem fahrenden Bus zu machen. Was draußen an uns vorbeizog, erinnerte mich an die deutschen Mittelgebirge, nur dass alles größer, weiter und farbenfroher war. Vor der Einfahrt in den Lincoln Tunnel erhaschten wir noch einen Blick auf Downtown Manhattan.



Nach unserer Rückkehr wollten wir den Central Park erwandern. Als wir wie üblich die Linie A Richtung Norden nahmen, bemerkten wir nicht, dass wir in den Expresszug gestiegen waren. Statt an der 71sten Straße konnten wir also erst an der 125sten aussteigen und landeten mitten in Harlem. Die Gestalten machten einen verschlagenen Eindruck und die vielen Polizisten sorgten auch nicht gerade für fröhliche Stimmung. Wir fuhren zügig nach Süden zurück und J. sagte, er hätte gerne ein T-Shirt, auf dem geschrieben steht: Neukölln ist besser als Harlem!

Das Wetter war blendend und im Central Park zeigte sich der Herbst von seiner schönsten Seite, wir scheiterten jedoch bei der Suche nach dem Belvedere Castle, das ich fotografieren wollte. Als die Sonne verschwand, setzten wir uns gegenüber dem American Museum of Natural History auf eine Sitzbank und überlegten, wohin wir als nächstes fahren wollten. Dabei spürten und hörten wir die U-Bahnen unter uns entlangdonnern und waren beeindruckt, auf wie vielen Ebenen New York funktioniert. Weit oben in den Hochhäusern wohnt und arbeitet man, auf der Straße brodelt das Leben und darunter sind die stickigen aber nicht minder lebendigen Schächte der U-Bahn.



Weiter ging es Richtung Süden nach SoHo. Das Viertel ist berühmt für seine Gusseisen-Fassaden und gilt heute als eines der teuersten Viertel der Stadt, nachdem es in den späten 1960er Jahren wie ganz New York ziemlich am Ende war. Von den Menschen hier konnten wir allerdings nicht annehmen, dass sie sich die horrenden Mietpreise leisten können. Die Straßen wirkten auf uns enger als anderswo in Manhattan und ich sah zum erst zweiten Mal in New York eine kopfsteinbepflasterte Straße. Wir kamen an zwei jungen Männern und einer jungen Frau vorbei, die gerade einen Umzugswagen auspackten. Die junge Frau fing spaßeshalber an, sich mit einem der Kerle zu balgen. Als sie andeutete, ihm zwischen die Beine zu treten, war es für ihn vorbei.

Wenige Kilometer weiter landeten wir wieder in der Nachbarschaft des World Trade Centers und besuchten das Deli vom Vortag. Dass es aus dem Hinterraum bestialisch nach Chlor stank, bemerkte ich im Gegensatz zu S. und J. zum Glück erst, als ich den letzten Bissen vertilgt hatte.



Zurück am Times Square statteten wir dem Virgin Megastore einen Besuch ab, um CDs als Souveniers einzukaufen. Der Schuppen war uns allerdings zu teuer. Im Untergeschoss wurde eine mir unbekannte Hip-Hop-Band von kreischenden Mädchen umzingelt. Als wir zurück zur Herberge wieder über die Kreuzung des Times Square mussten, war der Naked Cowboy leider nicht da. Da wir für diesen Tag genug gesehen hatten, setzten wir uns in den Aufenthaltsraum unserer Herberge und investierten einen Dollar für zehn Minuten Internet, um ein paar E-Mails zu schreiben und um herauszufinden, ob die Lokführer-Gewerkschaft der Bahn noch streikt. Als wir lasen, dass von Donnerstag bis Samstag der Fernverkehr vor allem in den neuen Bundesländern lahmgelegt werden sollte, wurden wir etwas unruhig. Auf dem Zimmer tranken wir ein Sixpack Budweiser und beobachteten, wie im Café gegenüber die letzten Gäste nach Hause gingen und das Personal damit begann, den Boden zu wischen. Die gelben Aufsteller, die vor Ausrutschgefahr auf dem nassen Boden warnen sollen, waren mir in New York schon vorher aufgefallen. Man scheint unverhältnismäßige Schadensersatzklagen vermeiden zu wollen.

Später gesellte sich unser Mitbewohner Philip zu uns. Er hatte das gute Wetter genutzt und war im Central Park laufen und überlegte, wo er den restlichen Abend verbringen könnte. Dabei war er sich nicht zu schade, uns zu erzählen, wie er sich vor dem Duschen „versehentlich“ aus dem Zimmer ausgeschlossen hatte und nur mit einem Handtuch bekleidet zur Rezeption gehen musste. Wäre er nicht so durchtrainiert gewesen, hätte ich ihm sogar geglaubt, dass er seinen Körper nicht absichtlich vorführen wollte.