Sechs Tage New York

Reisebericht
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Freitag, 9. November 2007

Es war 14 Uhr mitteleuropäischer Zeit und wir sollten schon längst in der Luft sein. Zum Glück konnten wir — J., S. und ich — bei einem guten Freund in Bonn übernachten und ausgiebig frühstücken und waren deshalb noch nicht besonders hungrig. Vor dem Einsteigen schnappten wir uns im Korridor ein paar kostenlose Zeitungen, ohne natürlich daran zu denken, wie schwer es ist, auf beengten Plätzen solche Riesenschinken zu lesen. Leider saßen wir in unserem LTU-Airbus auf Höhe der Flügel und verpassten so den Ausblick auf London. Meine Ausrüstung, die aus einer Canon EOS 400D, einem Canon EF 17-40 mm f/4 L und einem Canon EF 50 mm f/1,8 II für dunkle Museen bestand, blieb also vorerst in der Tasche. Nach zwei Bordfilmen, zwei Speisegängen und acht verschiedenen Getränken landeten wir um 17 Uhr Ortszeit in New York.



Ein Blick aus dem Fenster verhieß uns nichts Gutes, denn es war diesig und regnete; für bessere Stimmung konnte auch unser Einwanderungsbeamter nicht sorgen, der zwar freundlich war — „What's the purpose of your visit, folks?“ —, aber eine extrem lahme Tüte. Dass die Schlange hinter uns geradezu kilometerlang wurde, schien ihn nicht weiter zu stören. Hatte er etwa noch nie von der „New York minute“ gehört? Der rothaarige Beamte am Schalter nebenan fertigte zehn Reisende ab, während unserer endlich seine Unterschrift in unsere Pässe malte. Unser Gepäck hatte uns in der Zwischenzeit überholt und wartete am Förderband auf uns. Vor dem Terminal sahen wir uns vergeblich nach einer U-Bahn-Station um. Ein Taxi wollten wir nicht nehmen, obwohl die Manhattan-Pauschale von 45 Dollar ein faires Angebot gewesen wäre. Es ging also zurück ins Terminal und in den Airtrain, der uns zur nächstgelegenen Haltestelle der U-Bahn-Linie A brachte.

Wir rechneten bereits mit einem ersten Blick auf Manhattans Hochhäuser, bekamen aber nur einige große Parkplätze zu Gesicht. An der Endhaltestelle stiegen wir in die abgenudelste U-Bahn unserer ganzen Reise. In unserem Wagen stand ein großer, dicker und bewaffneter Aufpasser, bei dem ich nicht erkennen konnte, ob er für die MTA arbeitete oder nicht doch ein Polizist war. Während der langen Fahrt machte sich bei mir der Jetlag bemerkbar, S. und J. hingegen waren putzmunter. Uns gegenüber stand ein zugedröhnter Hip Hopper neben einer Asiatin, die chemische Formeln büffelte. Unser Fahrer war ausgesprochen redselig und teilte sich uns oft über die Sprechanlage mit. Ganz besonders störte er sich an langsam aus- und einsteigenden Fahrgästen, wie er über die Sprechanlage verlauten ließ: „You can use four doors, ladies and gentlemen! It's not one, it's not two and it's definitely not three. It's four!“

Nach einer etwa einstündigen Fahrt kamen wir an der 42. Straße an und mussten noch ein paar Schritte zum Times Square gehen. Durch die hohe Luftfeuchtigkeit war der Himmel über dem Times Square beinahe taghell beleuchtet. Ich war froh, als wir nach kurzer Suche nach unserem Big Apple Hostel schnell und unbürokratisch unsere Bettsachen erhielten. S. kam beinahe das Flugzeugessen hoch, als sie unsere abgeranzten nackten Matratzen sah. Nach dem Beziehen der Betten fühlten wir uns besser, denn was sich unter den Laken abspielte, konnten wir nun immerhin nicht mehr sehen. Das Zimmer war wegen der Heizung brühwarm wie eine Sauna und das Nachfragen bei der Rezeption half uns auch nicht weiter, da die Heizung, wie schon befürchtet, zentral geregelt wird. Wir schliefen in jener Nacht also bei laufender Heizung und offenem Fenster. Auf dem Gang begegneten uns zwei adrette junge Schweizerinnen („Ihr seid ja Düütsche!“), die im Nachbarzimmer nächtigten.



Wir gingen noch einmal vor die Tür, um bei McDonald's am Times Square um die Ecke etwas zu trinken. Zurück in der Herberge fiel ich ins Bett und wachte erst aus meinem tiefen Schlaf auf, als unser Zimmergenosse hereinpolterte. Ich konnte ihn noch fragen, ob er tatsächlich Deutscher sei, bevor ich wieder einschlief. Er muss sich gewundert haben, woher ich das wusste. Ob wir seine Sachen durchwühlt haben? Dass uns der Rezeptionist gesagt hatte, wir hätten einen weiteren Deutschen im Zimmer, konnte er ja nicht ahnen. Er sollte sich später als Philip vorstellen, der in München an der Technischen Universität studiert.